Dragon Age

Nachts sind alle Katzen grau

Nachts sind alle Katzen grau

von Sinmara Mayfair (Lani)

"Der Winter kommt früh dies Jahr.", murrte der Soldat. "Es ist verdammt kalt hier oben."
"Du jammerst die ganze Zeit. Glaubst du das hält warm?", knurrte die graubärtige Wache neben ihm.
Er haßte es, mit einem dieser Neulinge Dienst zu haben. Aber sie hatten die hohen Verluste nach dem Angriff der dunklen Brut vor fünf Jahren ersetzen müssen. Und ausgerechnet ihm, dem altgedienten Veteranen fiel es ständig zu, diese Grünschnäbel in ihre Pflichten einzuarbeiten.
Nicht dass es derzeit Aufregendes zu tun gab. Die Reste der dunklen Brut hatten sich aus dem Gebiet um Denerim sehr schnell verzogen. In Amaranthin hatte man noch länger Schwiergkeiten gehabt, sagt man. Einige versprengte Trupps waren durch Dörfer gezogen und hatten abgelegene Höfe angegriffen. Nichts womit er zu tun gehabt hätte.
Die Hauptstadt war eine Baustelle. Und die schlimmsten Vorkommnisse waren Diebstähle von Material und Werkzeug, ab und zu einige Raubmorde, Überfälle, jedoch nicht hier, in der Nähe des Palastes.
Ein ordentlicher königlicher Palast musste eben bewacht werden, so gehörte sich das. Und Königin Anora achtete auf das, was sich geziemte. Ihr Gatte, dieser Alister, der beinahe ohne sie König geworden wäre, war da anders, aber sie hielt ihn an der kurzen Leine. Deshalb war er wohl so oft auf Reisen, erzählten die Klatschweiber auf dem Markt jedenfalls.
"Können wir nicht in das Turmhäuschen gehen?", maulte der Neue wieder und erntete nur ein ablehnendes Schnaufen als Antwort.
Also gut, also gut. Er will unbedingt reden. Vielleicht klagt er dann nicht mehr alle zwei Minuten darüber dass es kalt ist.
"Wie heißt du eigentlich?", fragte der Veteran.
"James.", antwortete der Rekrut und nahm fast so etwas wie Haltung an."Ich komme aus Greenleave."
Der Name sagte dem Älteren gar nichts.
"Ah daher also.", antwortete er laut, da er nicht sonderlich erpicht darauf war, in allen Einzelheiten die Lage irgendeines Nestes irgendwo in Ferelden erklärt zu bekommen. "Ich heiße Stanley. Nein wir gehen nicht von unserem Posten weg. Die Erste Ministerin duldet keinerlei Nachlässigkeit."
"Die Ministerin? Es ist mitten in der Nacht und kalt. Glaubst du, einer von den Oberen ist jetzt hier draußen um die Wachen zu überprüfen? Die sitzen am warmen Feuer oder liegen in ihren Betten.", entgegnete der Neuling, immer noch mit einem sehnsüchtigen Blick auf das Turmhäuschen, das zwar nicht beheizt war, aber doch etwas Schutz vor der kalten Nachtluft geboten hätte.
"Glaub mir, ich bin schon lange hier. Diese Frau ist keine von den verwöhnten Adligen.", sagte Stanley und schaute sich aufmerksam um als erwarte er, dass sie jeden Moment auf die Mauern trete. "Außerdem ist sie eine Magierin."
"Komische Zeiten sind das seit der Verderbnis. Magierinnen außerhalb des Zirkels und gar als Ministerin des Reiches..."
"Hüte lieber deine Zunge, wenn du von ihr sprichst. Man sagt, ihr käme alles zu Ohren was im Palast getan und gesprochen wird."
"Abergläubischer Unsinn. Magier oder nicht, alles können die nun auch nicht."
Stanley strich sich nachdenklich über den ergrauten Bart und lehnte die Hellebarde an die Zinnen. Er griff in die Beuteltasche und holte eine kleine Flasche Branntwein hervor.
"Hier trink, das hält etwas warm von innen.", sagte er und reichte sie dem Jüngeren."Und dann hör mir zu."
James griff nach der Flasche und lehnte seine Hellebarde neben die andere.
"In Ordnung, ich höre zu."
"Ihr Name ist Mortifera und sie ist außerdem eine Graue Wächterin. Sie hat damals den Erzdämon besiegt und diesen Kampf als einzige Wächterin der Geschichte auch noch überlebt. Wenn das kein Beweis ist, dass sie keine gewöhnliche Frau ist..."
"Jedes Kind kennt die Geschichte."
"Na, ich hab das nicht nur gehört. Ich hab sie gesehen. Ihre Gruppe, sie und Alister an der Spitze, kämpften sich durch die Scharen der dunklen Brut hier in Denerim wie eine Sense durch Gras. Und waren die beiden Wächter schon beeindruckend, die rothaarige Bogenschützin und die schwarze Hexe, die sie begleiteten nicht minder."
"Eine Hexe?"
"Ja eine Hexe aus der Wildnis. Nach dem Sieg verschwand sie sofort und niemand weiß wohin sie gegangen ist. Man munkelt, dass sie einige ihrer Fähigkeiten an die Ministerin weitergegeben habe."
"Nun, es war eine Verderbnis. Viele Kämpfe. Und das war bestimmt beeindruckend. Aber noch lange kein Beweis, dass sie mehr ist als eine von diesen Stabfuchtlerinnen aus dem Turm..."
"Na paß weiter auf. Es war in den Tagen nach der Hochzeit von Anora und Alister. Da soll so ein fanatischer Anhänger von Loghain versucht haben, in den Palast zu gelangen. Sicher nicht mit guten Absichten. Man fand ihn säuberlich in zehn Teile zerlegt im Graben und keine der Wachen hat etwas gesehen oder gehört."
"Dafür kann es viele Erklärungen geben..."
"Wirklich?", sagte Stanley und blickte in die Nacht hinaus als könne er am Horizont ein nahendes Unheil kommen sehen."Alle Dienstboten berichten, dass man vor ihr nichts verheimlichen kann. Sie scheint alles zu wissen, lange bevor man ihr es sagt. Von der zerbrochenen Vase bis zum versalzenen Essen.
Und Feinde der neuen Regentschaft verschwinden oft spurlos. Sei es ein gewöhnlicher Mann oder ein Bann."
Einen Moment herrschte Schweigen. Und dem Rekruten begann nun doch etwas unheimlich zumute zu werden. Ein leises Poltern hinter ihm ließ ihn aschfahl zur Hellebarde greifen und herumfahren.
Stanley lachte.
"Na doch Angst bekommen? Das ist nur die Palastkatze."
Tatsächlich hatte sich eine mittelgroße graue Katze über die Dächer des Palastes in Richtung ihrer Zinnen bewegt und saß nun auf dem Dachfirst, keine fünf Schritte von ihnen entfernt. Wütend, so von dem Tier vorgeführt worden zu sein, wollte James mit der Hellebarde in ihre Richtung fuchteln, um sie zu verscheuchen. Der Ältere griff seinen Arm und hielt ihn fest.
"Bist du verrückt? Die Katze gehört ihr. Keiner darf ihr etwas tun."
"Ich wollte ihr nichts tun. Das Mistvieh hat mich erschreckt."

Die Katze saß, völlig unbeeindruckt von dem Geschehen, ruhig auf dem Dachfirst und musterte die beiden mit ihren Raubtieraugen.
Nach einigen Sekunden setzte sie den Weg über die Dächer fort, überquerte elegant die Zinnen und sprang auf einen Hausbalkon. Geschmeidig und schnell bewegte sie sich hoch über der Stadt bis zu einem rot gedeckten Dach in einer Seitengasse. Aus dem Haus darunter war Gelächter zu hören und der Lärm vieler Stimmen. Es war die "Perle", jenes Amüsierlokal in Denerim, in dem sich für jeden Reisenden auch Entspannung besonderer Art zu finden war.
Die Katze kletterte auf den Sattel des Daches und dort saß jemand. Eine Gestalt, gehüllt in einen dunklen Mantel, die die Hand nach ihr ausstreckte, ohne sich umzudrehen.
"Da bist du ja.", klang eine weibliche Stimme unter der Kapuze hervor, die nun mit der anderen Hand zurückgeschoben wurde. Kurze rote Haare kamen zum Vorschein und ein Paar grüner Augen."Du hast mich nicht lange warten lassen."
Sie kraulte die Katze, die sich schnurrend an ihr rieb und den Kopf in ihre Hand schob.
"Du hast einen ungewöhnlichen Ort für unser Treffen ausgesucht, wie immer."
Plötzlich veränderte sich die Katze. Sie schien zu wachsen und in den Schatten der Nacht formte sich aus dem Körper des Tieres in wenigen Augenblicken eine menschliche Gestalt.
"Gib mir deinen Mantel, es ist ziemlich kalt hier oben.", sagte sie.
"Nur deshalb habe ich ihn dabei. Du vergißt das wohl immer", lächelte die Rothaarige und legte den dunklen Mantel um die Schultern ihrer Besucherin, die sich nun neben sie setzte und ihre langen schwarzen Haare ordnete.
"Bekomm ich keinen Kuß zur Begrüßung?", lachte sie und richtete ihre dunklen Augen auf die Frau neben ihr.
"Den gibts immer erst wenn ich dabei keine Haare in den Mund bekomme, mein Kätzchen.", erwiderte sie und gab ihr einen innigen Kuß.
"So ists besser. Und nun sag mir, was dich nach Denerim führt. Du hast in deiner Nachricht nur geschrieben, dass du mich auf der Durchreise unbedingt sehen willst, Leliana."
Die Bardin, bekleidet mit ihrer dunklen Lederrüstung, hatte sich in den fünf Jahren kaum verändert. Ihre Haare waren noch ein wenig kürzer und die Fältchen um ihre Augen waren etwas tiefer geworden.
"Wie ich geschrieben habe bin ich nur auf der Durchreise, Mortifera.", antwortete sie. "Ich verlasse Ferelden wieder."
"Reist du zurück nach Orlais? Für wie lange?"
"Nein auch nicht nach Orlais. Ich gehe in die Freien Marschen. Und ich habe nicht vor, zurückzukommen, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit."
Die Magierin schwieg. Sie hatte damit gerechnet, eines Tages. Sie hatte ein feines Gespür dafür wenn andere sich nicht wohl fühlten, da wo sie waren. Einige schrieben dies ihrem magischen Talent zu. Es war wohl aber mehr eine Fähigkeit die sie der Erinnerung an ihre Jugend im Zirkel der Magi verdankte. Dort hatte sie sich selbst immer so gefühlt, nur gab es keine Chance, den Turm zu verlassen. Bis zu diesem Tag, an dem alles eskalierte. Und das war über sechs Jahre her und schien eine andere Welt gewesen zu sein. Es war ja auch so. Diese Welt hier gehörte nun ihr, jedenfalls machte sie größtenteils ihre Regeln.
"Du kannst sie immer noch nicht vergessen, oder?"
"Nein, ich kann es nicht, in Orlais war es noch schlimmer. Aber auch hier...", die Bardin beendete den Satz nicht. In Denerim war es damals geschehen. Sie hatten Marjolaine in ihrem Haus zur Rede gestellt, weil sie Leliana gedungene Mörder hinterhergehetzt hatte. Und hatten sie in einem harten Kampf getötet. Diesen Tag vergaß auch Mortifera niemals.
"Ich wünschte, wir hätten damals eine Wahl gehabt. Ich wünschte es mir für dich.", antwortete sie."Aber dann hätte sie dich irgendwann töten lassen. Und das konnte ich nicht zulassen."
"Ich weiß."
In der Nacht nach jenem Ereignis war die Bardin während ihrer Wache zu ihr gekommen. Hatte sich wortlos ganz dicht neben sie gesetzt. "Mir ist so kalt, so unendlich kalt.", hatte sie gesagt und die Magierin hatte sie in den Arm genommen. Ihre Tränen waren geflossen, die sie als alle anderen noch wach waren, zurückgehalten hatte. Stundenlang. Und irgendwann, als schon fast die Sonne den Horizont berührte, war sie aufgestanden ohne ihre Hand loszulassen und hatte sie in ihr Zelt geführt. In diesen Stunden hatten sie sich geliebt, voller Leidenschaft und Hingabe, wie Mortifera es noch nie erlebt hatte. Aber dann war es vorbei. Nicht dass sie Leliana nicht sehr gemocht hätte, nur gehörte ihr Herz Alister. Und das Herz der Bardin - immer noch Marjolaine. Bis heute, auch wenn sie längst tot und begraben war.
"In den Freien Marschen wird gekämpft", sagte sie und schaute auf ihre Hände, die so geschickt im Umgang mit Klingen wie dem Bogen waren, der neben ihr lag.
"Dort wird immer gekämpft. Was willst du ausgerechnet in dieser Ödnis?"
"Sicher wird dort immer gekämpft. Aber irgendetwas an den Nachrichten von dort ist anders. Da gehen größere Dinge vor. Mein Bardinnengespür sagt mir das. Und ich will endlich wieder eine Aufgabe habe. Dort finde ich bestimmt eine."
"Ach zu tun habe ich hier immer für dich gehabt."
"Ja das hast du.", erwiderte Leliana."Aber nie... wirklich Herausforderndes. Nichts, was nicht meine Schülerinnen hier auch für dich tun können, Ministerin."
"Das ist nicht meine eigentliche Sorge."
"Was denn?"
"Du wirst den Schatten niemals los. Sie wird irgendwann dein Tod sein als hätte sie selbst noch immer die Klinge geführt."
"Ist das eine Weissagung?", lachte die Bardin.
"Sei nicht albern, ich meine das ernst.", sagte Mortifera ungehalten.
"Ich passe schon auf mich auf. Du warst der einzige Grund, warum ich so lange hier geblieben bin.", war ihre Antwort."Wie geht es dir eigentlich?"
"Gut, du weißt doch, die Regierungsgeschäfte laufen ausgezeichnet..."
"Das meine ich nicht. Ich meine dein Herz. Alister ist mit Anora verheiratet, ihr habt euch damals getrennt. Und du siehst ihn so oft."
"So oft auch nicht. Er ist viel auf Reisen."
"Ja, mag sein. Aber sei ehrlich - was ist mit dir?"
Die Magierin schaute in den Himmel, der sternenklar war und in dem ein großer Mond leuchtete.
"Ich werde dich nicht anlügen. Das kann ich sowieso nicht. Ich vermisse ihn. Ich weiß, du fandest ihn unerfahren, linkisch, alles andere als einen wahren Helden..."
"Du hast ihn sehr geliebt."
"Ja und ich habe ihm, habe uns das eingebrockt. Habe ihn zum König gemacht an der Seite dieser...dieser...", ihre Stimme versagte.
Jeden einzelnen Tag verdrängte sie jeglichen Gedanken daran mit ihrer Arbeit. Gewissenhaft. Machtbewußt. Und immer zu beschäftigt, um an die Vergangenheit zu denken. Sie hatte ihn in diese Lage gebracht. Werde König. Heirate Anora. Herrsche über Ferelden. Nimm mich doch zur Geliebten.
Und er hatte ihre Beziehung beendet, obwohl er sie liebte. Wohl immer noch liebte. Sie sollte nicht einfach die heimliche Mätresse des Königs sein. In dieser Rolle wäre sie auch nicht glücklich geworden, denn sie konnte sich nicht vorstellen, ihn zu teilen. So hatte sie ihn ganz verloren.
Sie fühlte wie Leliana ihre Hand ergriff.
"Du kannst genauso wenig vergessen wie ich.", sagte sie. "Nicht solange du hier bleibst."
"Ich bin Ministerin. Ich kann nicht einfach fortgehen."
"Du kannst alles tun was du tun willst. Willst du denn bleiben und hier alt werden? Ihn immer vor Augen, an der Seite einer anderen? Er ist unglücklich und du siehst es und bist es auch."
"Überall bin ich was ich bin. Eine Magierin. Soll ich zurück zum Zirkel? Niemals."
"Nein, das sollst du nicht.", Lelianas grüne Augen ließen ein schelmisches Lächeln aufblitzen."Komm einfach mit."
"Ich soll..."
"Wir gehen in neue Abenteuer. Schauen wir, was dort los ist, in den Freien Marschen. Wer weiß, was wir finden. Vergessen oder Ruhm und Ehre. Oder vielleicht auch ein wenig Glück."
Mortifera antwortete nicht. Sie zog den Umhang fester um sich und ließ die Hand der Bardin nicht los.

Am frühen Morgen, kurz nachdem die Sonne aufgegangen war, ließen die Torwachen von Denerim eine rothaarige Frau in dunkler Lederrüstung passieren, die zwei große Bündel geschultert hatte und einen Langbogen bei sich trug.
"Habt Ihr eine weite Reise vor Euch?", fragte einer von ihnen.
"Ja, und ich bin mir sicher, das Ziel gefällt mir jeden Tag mehr.", erwiderte sie.
"Dann wünsch ich Euch den Segen des Erbauers auf den Weg."
"Danke Euch."
Und festen Schrittes setzte sie sich in Bewegung.
Nur einmal blieb sie kurz stehen als sich ihr eine graue Katze von der Stadtmauer her näherte. Sie hockte sich auf den Boden und kraulte sie einige Minuten. Als sie dann ihren Weg fortsetzte folgte ihr die Katze als wäre sie einer dieser darauf trainierten Mabari-Hunde bis beide irgendwann in der Ferne verschwunden waren.

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